„Das fünfte Kind“ wird oft moralisch gelesen. Als Geschichte über eine Mutter, die ihr Kind ablehnt. Oder über ein „böses“ Kind. Beides greift zu kurz und macht es sich zu einfach.
Ben ist nicht der eigentliche Skandal dieses Buches.
Ben ist kein Kind – Ben ist ein Symptom
Ben steht für etwas, das sich lange vor seiner Geburt ankündigt:
- unerfüllte Erwartungen
- ein Beziehungsmodell, das auf Idealen basiert
- der feste Glaube, dass „es schon gut gehen wird“, wenn man sich nur anstrengt
Harriet und David wollen vieles richtig machen. Vielleicht zu vieles.
Sie wollen Familie, Gemeinschaft, Stabilität – und sie wollen das gegen die Zeit, gegen gesellschaftliche Veränderungen, gegen Realität.
Ben ist nicht der Bruch.
Ben ist das, was sichtbar wird, wenn ein System kippt.
Die eigentliche Krise beginnt früher
Die Beziehung trägt nur, solange sie bestätigt wird:
- durch gesunde Kinder
- durch Anerkennung von außen
- durch das Gefühl, moralisch richtig zu handeln
Mit Ben fällt diese Bestätigung weg. Und plötzlich zeigt sich:
- wie belastbar die Beziehung wirklich ist
- wie viel Verantwortung man tragen will
- und wo Idealbilder enden
Ben zwingt alle Figuren, sich zu positionieren.
Nicht nur Harriet – auch David, die Familie, das Umfeld.
Harriet: keine Täterin, keine Heldin
Harriet ist keine kalte Mutter.
Aber sie ist auch keine Heilige.
Sie hält aus. Zu lange vielleicht.
Sie kämpft. Aber nicht gegen Ben – sondern gegen das Zerbrechen eines Lebensentwurfs.
Das Unbequeme an diesem Buch ist:
Man kann Harriet verstehen, ohne ihr Handeln gutzuheißen.
Und genau das macht die Geschichte so schwer auszuhalten.
Lessings eigentliche Frage
Das Buch fragt nicht:
Darf man ein Kind ablehnen?
Sondern:
Was passiert, wenn Erwartungen an Familie, Beziehung und Sinn nicht mehr aufgehen – und niemand einen Ausweg anbietet?
Ben ist der Katalysator.
Nicht die Ursache.
Warum das Buch bis heute wirkt
„Das fünfte Kind“ zwingt dazu, Dinge auszuhalten, die man nicht gern ausspricht:
- dass Liebe Grenzen hat
- dass Verantwortung nicht unendlich ist
- dass Beziehungen an Umständen scheitern können, nicht an bösem Willen
Lessing erklärt nichts. Sie urteilt nicht.
Sie zeigt – und lässt die Leser damit allein.