James – Wozu Menschen fähig sind

„James“ von Percival Everett hat mich beschäftigt, weil das Buch weit mehr ist als eine historische Abenteuergeschichte. Es erzählt von Gewalt, Macht und Entmenschlichung, aber auch davon, wie Menschen trotz allem versuchen, ihre Würde zu bewahren.

Besonders eindrücklich war für mich der Moment, in dem James beginnt, sich zu wehren. Gewalt gegen Sklaven war für ihn bereits Teil des grausamen Alltags geworden. Er wusste von Schlägen, Auspeitschungen und Demütigungen, und obwohl ihn das berührte, hatte er gelernt, damit zu leben, um selbst überleben zu können. Der Wendepunkt kommt für mich mit der Vergewaltigung der Frau in der Hütte. Dort überschreitet das System eine Grenze. James erlebt die völlige Entmenschlichung unmittelbar mit, und in diesem Moment verändert sich etwas in ihm. Danach kann er die Gewalt nicht mehr nur ertragen oder beobachten.

James steht für mich weniger als einzelne Romanfigur im Mittelpunkt, sondern eher als Stellvertreter vieler Menschen, die ähnliches Leid erfahren mussten. Deshalb habe ich beim Lesen weniger Mitleid mit einer einzelnen Figur empfunden als Wut auf das System dahinter. Und diese Wut blieb für mich nicht auf die Vergangenheit beschränkt. Die Zustände der damaligen Zeit wirken nicht abgeschlossen oder historisch, sondern erschreckend aktuell. Vielleicht nicht immer so sichtbar, aber deshalb nicht verschwunden.

Trotz aller Härte gibt es im Buch auch Wärme. Besonders die Beziehung zwischen James und Huck hat mich berührt. Zwei Menschen aus scheinbar unterschiedlichen Welten lernen, sich gegenseitig zu vertrauen und aufeinander zu verlassen. Für mich war ihre Verbindung schon lange vor der Offenbarung am Ende echt. Die spätere Erklärung verändert nicht die Beziehung selbst, sondern höchstens den Blick anderer darauf.

Auch die Liebe von James zu seiner Frau und seiner Tochter zieht sich stark durch die Geschichte. Er kämpft nicht nur um sein eigenes Überleben. Immer wieder geht er Risiken ein, um seine Familie zu retten. Er hätte sich an manchen Stellen auch für den sicheren Weg entscheiden können, tut es aber nicht. Gerade das macht ihn stark.

Einige Szenen im Buch wurden gelegentlich als unrealistisch bezeichnet. Ich habe sie anders gelesen. Für mich sind sie Teil der Freiheit des Autors und oft eher symbolisch als realistisch zu verstehen.

Dazu gehört die Figur Brock im Kesselraum des Schiffes. Er wirkt fast wie ein Schatten seiner selbst, ein Mensch, dessen Welt nur noch aus Arbeit, Essen und Überleben besteht. Ob eine solche Figur in dieser Form realistisch ist, war für mich nicht die entscheidende Frage. Viel wichtiger war, was sie sichtbar macht: was aus Menschen werden kann, wenn sie über lange Zeit nur noch als Arbeitskraft betrachtet werden.

Auch die Geschichte um Emmet und sein Notizbuch ist für mich mehr als eine Episode. Emmet präsentiert sich als Freund der Schwarzen, solange diese die Rolle spielen, die er für sie vorgesehen hat. Als James sich seinem Einfluss entzieht, zeigt sich, wie wenig von dieser angeblichen Freundschaft übrig bleibt. Besonders interessant finde ich, dass James später ausgerechnet das Notizbuch rettet, das er Emmet gestohlen hat. Ursprünglich enthielt es die Texte eines Chores weißer Männer, die als Schwarze verkleidet durch das Land zogen. James macht daraus etwas Eigenes und beginnt, seine eigene Geschichte hineinzuschreiben. Für mich wird das Notizbuch dadurch zu einem Symbol dafür, die eigene Stimme zurückzugewinnen und die eigene Geschichte selbst zu erzählen.

Auch die vielen Zufälle und Wiederbegegnungen haben mich nicht gestört. Natürlich habe ich mich gefragt, wann James Huck wiedersehen würde. Dass sich ihre Wege immer wieder kreuzen, mag konstruiert sein, gehört für mich aber zur Erzählweise des Romans. Nicht jede Wahrheit in Literatur muss realistisch sein. Manche Dinge sind gerade deshalb wichtig, weil sie etwas über Menschen, Beziehungen und Entwicklungen sichtbar machen.

Das Ende habe ich gemischt empfunden. Einerseits war da Erleichterung, weil James und seine Familie endlich eine Aussicht auf etwas Ruhe und Frieden bekommen. Nach all den Grausamkeiten tat dieses Ende gut. Andererseits habe ich darin keine wirkliche Hoffnung gesehen. Hoffnung ist für mich ein großes Wort. Dass es irgendwo einen Ort gibt, an dem Schwarze Menschen nicht sofort vertrieben werden, bedeutet noch lange nicht, dass sich das System grundsätzlich verändert hat. Freiheit entsteht in diesem Buch nicht durch Einsicht oder Menschlichkeit der Mächtigen, sondern weil Menschen selbst handeln, kämpfen und Risiken eingehen.

Vielleicht bleibt deshalb vor allem die Frage zurück, wozu Menschen fähig sind – im Grausamen wie im Menschlichen. Genau das macht „James“ für mich zu einem starken, spannenden und gleichzeitig sehr unbequemen Buch. Es zeigt nicht nur, was Menschen einander antun können, sondern auch, was sie bereit sind zu riskieren, um ihre Würde, ihre Familie und ihre eigene Geschichte zu bewahren.

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