Amrum ist kein Buch, das einen sofort mitnimmt.
Es fordert Geduld. Und genau das ist seine Haltung.
Der Anfang ist sperrig. Viele Beschreibungen, wenig Handlung, lange Passagen über Landschaft, Wetter, Wege. Ich habe das Buch zunächst nur in kleinen Abschnitten gelesen. Nicht, weil es schlecht geschrieben wäre, sondern weil es Raum braucht. Die Bilder mussten sich erst formen.
Erst nach und nach bekamen die Figuren eine Kontur. Die Landschaft wurde nicht mehr Kulisse, sondern Zusammenhang. Ab diesem Punkt hatte ich das Gefühl, „im Film zu sein“ – allerdings in meinem eigenen Tempo. Ich konnte stehen bleiben, zurückgehen, weiterlesen, wenn es passte. Ab etwa der Mitte habe ich das Buch dann erstaunlich schnell zu Ende gelesen.
Rückblickend ist diese Langsamkeit am Anfang kein Mangel, sondern Voraussetzung.
Hark Bohm erzählt keine Geschichte, die man konsumiert. Er schafft einen Raum, in den man hineinwächst.
Kindheit ohne Nostalgie
Was Amrum auszeichnet, ist der Verzicht auf jede Verklärung.
Die Insel ist kein Sehnsuchtsort. Sie ist rau, weit, abgeschlossen. Ein Ort, an dem man nicht ausweichen kann. Genau das prägt die Figuren – und insbesondere die Perspektive des Kindes.
Bohm, Jahrgang 1939, war selbst ein Kind in den letzten Kriegsjahren. Kein Zeitzeuge im pathetischen Sinn, aber alt genug, um Mangel, Schweigen und die Atmosphäre dieser Zeit bewusst wahrzunehmen. Diese Erfahrung ist im Text spürbar: nichts wird erklärt, nichts bewertet, vieles bleibt einfach stehen.
Das Buch erzählt keine große Entwicklung, sondern einen Ausschnitt. Einen relativ kurzen Zeitraum, vermutlich nicht viel mehr als ein Jahr. Und gerade deshalb interessiert irgendwann nicht mehr die Landschaft, sondern die Frage: Was wird aus diesen Menschen?
Der Satz, der bleibt
Im Interview am Ende sagt Hark Bohm einen Satz, der hängen bleibt:
Ein Buch sei wie ein Fluss. Man könne über eine Brücke gehen oder von Stein zu Stein springen, um ans andere Ufer zu kommen – und dann das Buch zuklappen.
Dieser Vergleich trifft Amrum genau.
Ich habe mich eher von Stein zu Stein bewegt. Mit Pausen. Mit Zurückgehen. Mit dem Bedürfnis, Bilder erst entstehen zu lassen. Und irgendwann trug der Fluss.
Der Unterschied zum Film wird hier deutlich:
Ein Film läuft. Ein Buch lässt einen allein – im besten Sinn. Man bestimmt das Tempo selbst. Man liest langsamer, nicht schneller. Vielleicht nicht effizienter, aber genauer.
Warum der Schluss wichtig ist
Erst am Ende wird klar, warum diese Zurückhaltung notwendig war.
Das Buch erzählt keine Kindheit, sondern die Entstehung einer Haltung zum Leben. Es erklärt nicht, es ordnet. Still. Ohne Nachsatz. Ohne Trostpflaster.
Man klappt das Buch zu – und ist nicht mehr ganz derselbe wie vorher.
Nicht erschüttert, nicht belehrt. Sondern leise verschoben.
Amrum ist Literatur alter Schule:
keine Effekte, keine Eile, kein Angebot zur schnellen Identifikation.
Aber Wahrheit, ruhig erzählt – und genau deshalb dauerhaft.