Nach der Lektüre von Ben in der Welt bleibt bei mir vor allem Enttäuschung zurück. Nicht, weil das Buch schwierige Themen anspricht – sondern weil es sie an der falschen Figur festmacht.
Im ersten Teil, Das fünfte Kind, war Ben für mich kaum ein Mensch. Er war eine Zumutung, eine Störung, etwas Unbegreifliches. Gerade das machte das Buch so stark. Es ging um Verantwortung, um Überforderung, um die Frage, wie viel Abweichung eine Familie und eine Gesellschaft ertragen können. Ben hatte kein Innenleben – und das war konsequent.
Im zweiten Teil verschiebt sich dieser Fokus. Ben wird menschlicher, verletzlicher, ein Außenseiter auf der Suche nach Zugehörigkeit. Gleichzeitig rückt er aber seltsam aus dem Zentrum der Erzählung. Um ihn herum entfalten sich viele Einzelschicksale und bekannte Themen: Armut und Perspektivlosigkeit, skrupellose Wissenschaft, Ausbeutung durch Medien und Filmindustrie, Machtmissbrauch. All das sind reale, gewichtige Probleme – aber sie bleiben episodenhaft. Sie vertiefen sich nicht, sie entwickeln sich nicht, sie stehen einfach nebeneinander.
Was dabei fehlt, ist genau das, was man von einer Fortsetzung erwarten darf: eine Auseinandersetzung mit Bens Herkunft und Veränderung. Seine Familie, seine Kindheit, die Erfahrungen aus dem ersten Buch sind nahezu ausgelöscht. Die kurze Erwähnung, dass er seine Mutter und seinen Bruder sieht, sich aber nicht zeigt, bleibt ein leerer Hinweis. Es wird nicht gefragt, was ihn geprägt hat, was ihn verändert hat oder warum er heute so ist, wie er ist.
Damit entsteht ein Bruch: Ben wird zwar menschlicher gezeichnet, bekommt aber keine Geschichte mehr. Er dient als verbindendes Element für große Themen, die für sich genommen mehr Gewicht hätten, als das Buch ihnen zugesteht. Für diese Themen hätte es andere Figuren gebraucht, andere Perspektiven, andere Konsequenzen. Ben trägt sie nicht – und sie tragen ihn nicht.
Am Ende stirbt Ben nicht an der Welt, über die so viel gesprochen wird, sondern an etwas viel Leiserem. Auf dem Berg begegnet er Menschen, die nur unter bestimmten Bedingungen sichtbar sind: zur rechten Zeit, am rechten Ort, im richtigen Licht. Sie sind flüchtig, sie verblassen. Diese Begegnung verändert ihn. Ob sein Sturz ein Unfall war oder eine bewusste Entscheidung, bleibt offen – und genau das ist stimmig.
Bens Tod löst nichts. Weder die großen Probleme der Welt noch die inneren Spannungen des Romans. Die Freunde reagieren ruhig, fast gefasst, als hätten sie gespürt, dass sich hier etwas vollendet hat, das nicht aufzuhalten war. Kein Schock, kein Drama, keine Erklärung.
So endet die Geschichte nicht mit Sinn, sondern mit einer Leerstelle. Und vielleicht ist genau das die ehrlichste Aussage des Buches: dass nicht alles erklärbar ist, dass nicht jeder Tod etwas bedeutet – und dass die Welt, trotz allem Nachdenken über sie, einfach weitergeht.
So wirkt „Ben in der Welt“ weniger wie eine Fortsetzung, sondern wie ein loses Gedankenexperiment. Wer das erste Buch ernst genommen hat, bleibt mit offenen Fragen zurück. Nicht, weil Lessing sie bewusst offenlässt, sondern weil sie sie offenbar nicht mehr interessieren.
Vielleicht ist das Buch als Parabel lesbar. Als Fortsetzung jedoch erfüllt es sein Versprechen nicht.