Manchmal merkt man erst am Ende eines Buches, dass einem etwas gefehlt hat – auch wenn man während des Lesens gar nicht genau benennen kann, was.
So ging es mir mit Der Zopf. Drei Geschichten, drei Frauen, drei Lebensrealitäten, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Und doch laufen sie am Ende sauber zusammen. Indien, Sizilien, Kanada – verbunden durch ein einziges Element, das alles miteinander verknüpft. Der „Zopf“ ist geschlossen, die Konstruktion geht auf.
Und trotzdem saß ich da und dachte: Das war’s jetzt?
Nicht, weil etwas gefehlt hätte im klassischen Sinne. Im Gegenteil. Die Geschichte von Smita ist hart, direkt und ohne Beschönigung erzählt. Man bekommt ein klares Bild davon, unter welchen Bedingungen sie lebt und welche Entscheidungen sie treffen muss. Auch die anderen beiden Geschichten sind stimmig: Sarah wirkt wie aus einem amerikanischen Spielfilm, Giulia passt perfekt in das Bild, das man von Italien und insbesondere Palermo hat.
Alles ist nachvollziehbar. Alles ist rund.
Vielleicht ist genau das der Punkt.
Das Buch bietet keine Reibung. Es fordert nicht heraus. Es zwingt einen nicht, Stellung zu beziehen oder länger über etwas nachzudenken. Man liest, man versteht, man nickt vielleicht – und geht weiter.
Am Ende sind alle Fäden zusammengeführt: Smita ist mit ihrer Tochter im Tempel, Giulia erhält das Paket aus Indien, Sarah trägt ihre Perücke. Es ist abgeschlossen. Es kann nichts mehr kommen.
Und doch fehlt etwas.
Gerade bei Giulia wird das besonders deutlich. Die Begegnung mit Kemal hätte mehr sein können als ein kurzes Aufeinandertreffen, Verlieben und ein schneller Übergang zur Lösung ihrer Probleme. Kemal bringt eigentlich alles mit, was eine Geschichte interessant macht: Er kommt aus einem anderen Land, lebt ein eher trostloses Leben und trägt seine eigene Geschichte mit sich. Doch genau das bleibt im Hintergrund. Er wird eher zum Mittel zum Zweck – liefert die Idee, hilft weiter, und tritt dann wieder zurück.
Was aus ihm wird, bleibt offen. Und das ist nicht die Art von Offenheit, die zum Nachdenken anregt, sondern eher eine, die zeigt, dass hier etwas nicht weiter erzählt wurde. Gerade dort, wo echte Tiefe möglich gewesen wäre, entscheidet sich das Buch für die schnelle, einfache Lösung.
Nicht die Geschichte fehlt, sondern das, was danach passiert. Der Gedanke, der bleibt. Die Frage, die offen bleibt. Die Unruhe, die ein gutes Buch manchmal auslöst.
„Der Zopf“ ist kein schlechtes Buch. Es ist gut erzählt, sauber konstruiert und funktioniert. Aber es ist eines dieser Bücher, die man liest – und dann auch wieder weglegt, ohne dass etwas wirklich hängen bleibt.
Vielleicht ist das manchmal auch genug. Aber eben nicht immer.