Ich habe „Stay away from Gretchen“ und „Was ich nie gesagt habe“ von Susanne Abel direkt hintereinander gelesen und für mich gehören beide Bücher zusammen. Das erste erzählt eine Geschichte, das zweite vervollständigt sie. Viele Dinge, die im ersten Buch offenbleiben oder bei denen man sich bereits ein Urteil über einzelne Personen gebildet hat, bekommen im zweiten Buch einen anderen Blickwinkel. Und plötzlich merkt man, wie schnell man Position für einen Menschen einnimmt, wenn man nur seine Seite der Geschichte kennt.
Am meisten im Gedächtnis geblieben ist mir Gretchen. Vielleicht auch deshalb, weil sie mich immer wieder an meine Mutter erinnert hat. Meine Mutter wurde 1935 geboren, erlebte den Krieg als Kind, wurde mit ihrer Familie in Köln ausgebombt und kam anschließend auf einen Bauernhof in der Nähe von Frechen. Von ihr kenne ich viele Geschichten über den Krieg und die Jahre danach. Einiges davon habe ich in Gretchens Geschichte wiedergefunden.
Genau darin liegt für mich eine der großen Stärken von Susanne Abel. Sie beschreibt das Leben während des Krieges und in der Nachkriegszeit, ohne etwas schönzureden, aber auch ohne alles schlechtzureden. Es ist das alltägliche Leben einfacher Menschen. Menschen, die andere Sorgen hatten, als darüber nachzudenken, ob sie gerade Helden, Täter oder Opfer waren. Manche Männer waren Helden, als sie in den Krieg zogen, nach dem verlorenen Krieg Täter in den Augen der Sieger und gleichzeitig selbst Opfer des Krieges und seiner körperlichen und seelischen Folgen. Und mit ihnen waren es ihre Familien.
Besonders tragisch fand ich die Geschichte von Gretchen und Bobby. Nicht, weil einer den anderen irgendwann nicht mehr liebte, sondern weil Zufälle, gesellschaftliche Verhältnisse und die Entscheidungen anderer Menschen verhinderten, dass sie wieder zueinanderfanden. Gretchens Mutter verschweigt, dass Bobby nach ihr sucht und seine Briefe schreibt. Nicht aus reiner Bosheit, sondern weil sie nach der Rückkehr ihres Mannes aus der Kriegsgefangenschaft endlich etwas Ruhe und einen Familienfrieden haben möchte, der eigentlich längst nur noch äußerlich besteht.
Sehr berührt hat mich auch Marie. Sie muss schon als kleines Kind so viel Kummer und Ablehnung erleben. Natürlich spielt dabei ihre Hautfarbe eine entscheidende Rolle. Trotzdem blieb bei mir noch ein anderer Gedanke zurück: In dieser Zeit wurde generell wenig Rücksicht auf die kleinen Seelen der Kinder genommen. Sie mussten mit dem zurechtkommen, was die Erwachsenen und die Zeit ihnen zumuteten.
Tom dagegen fand ich anfangs ausgesprochen unsympathisch. Ein arroganter, selbstbezogener und verwöhnter Sunnyboy, der durch seine Bekanntheit gewohnt ist, mit vielem durchzukommen. Sympathischer wurde er mir erst, als er anfing, sich ernsthaft für das Leben seiner Mutter zu interessieren. Als er zuhörte, Fragen stellte und begriff, dass die alte, zunehmend demente Frau vor ihm ein ganzes Leben geführt hatte, von dem er erstaunlich wenig wusste. Im Laufe der Geschichte übernimmt er immer mehr Verantwortung – für andere Menschen, für seine Familie und schließlich auch in seinem Beruf. Aus dem verwöhnten Sunnyboy wird ein Mensch.
Das zweite Buch hat mich dabei nicht stärker beschäftigt als das erste. Es hat mich vielmehr aufgeklärt. Konrad, Toms Vater, bekommt endlich ein Gesicht. Seine Herkunft, sein Onkel und seine Kindheit erklären vieles, was im ersten Buch unverständlich bleibt. Gleichzeitig versteht man besser, warum Gretchen Konrad geheiratet und nicht weiter nach Bobby gesucht hat. Selbst viele kleine Dinge aus ihrem Leben und ihrer Wohnung bekommen plötzlich eine Geschichte.
Gerade deshalb wäre das erste Buch für mich ohne das zweite heute nicht vollständig. Denn mit jeder neuen Perspektive wird es schwieriger, über die Menschen zu urteilen. Fast jeder hatte nachvollziehbare Gründe für das, was er getan hat. Das bedeutet nicht, dass jede Entscheidung richtig war. Aber man kann verstehen, wie es dazu kam. Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Erkenntnisse dieser beiden Bücher: Einen Menschen zu verstehen bedeutet nicht, alles gutzuheißen, was er getan hat.
Ich würde beide Bücher besonders Menschen empfehlen, die sich für Familiengeschichten und das Verhältnis zwischen den Generationen interessieren. Auch meinen eigenen Kindern würde ich sie empfehlen. Beide haben das Dritte Reich ausführlich im Geschichtsunterricht behandelt und beide interessieren sich für die Vergangenheit ihrer Großmutter. Trotzdem glaube ich, dass diese Romane ihnen etwas vermitteln können, was kein Geschichtsunterricht leisten kann.
Geschichte besteht eben nicht nur aus Jahreszahlen, politischen Entscheidungen, Siegern, Tätern und Opfern. Sie besteht aus Menschen, die mittendrin ihr ganz normales Leben leben mussten. Und vielleicht versteht man die alten Menschen, die heute vor uns sitzen, ein wenig besser, wenn man sich gelegentlich vorstellt, was sie erlebt haben könnten, lange bevor wir sie kannten.