Manche Bücher liest man. Andere erlebt man.
So ging es mir mit „Eine Frage der Chemie“. Ich habe dieses Buch mit großer Freude gelesen, aber auch mit Tränen in den Augen beendet. Nicht, weil die Geschichte besonders dramatisch wäre, sondern weil ich mich in Elizabeth Zott immer wieder selbst wiedergefunden habe.
Elizabeth ist Wissenschaftlerin, Mutter und eine Frau, die sich nicht verbiegen lässt. Das macht sie für mich so glaubwürdig. Sie ist nicht erst die Wissenschaftlerin, dann die Mutter und dann die Frau. Sie vereint alles in einer Person. Genau das macht ihre Stärke aus.
Während des Lesens habe ich mit ihr gelitten, mit ihr gekämpft und mit ihr gerudert. Ich habe ihre Position als Mutter verstanden und ihren Wunsch, als Fachfrau ernst genommen zu werden. Vielleicht hat mich das Buch deshalb so berührt, weil ich selbst erlebt habe, wie unterschiedlich die Voraussetzungen für Männer und Frauen manchmal sind. Wie oft berufliche Chancen mit familiären Verpflichtungen kollidieren. Wie häufig Frauen darauf angewiesen sind, dass andere ihnen Möglichkeiten eröffnen, die Männern selbstverständlich angeboten werden.
Trotzdem empfinde ich dieses Buch nicht als feministisches Manifest.
Das mag überraschen, denn es behandelt viele Themen, die heute unter Gleichberechtigung diskutiert werden. Aber das Buch klagt nicht an. Es verteilt keine Schuld. Es zeigt einfach die Realität einer Zeit, in der Frauen andere Möglichkeiten hatten als Männer.
Und genau deshalb wirkt es so stark.
Nicht alle Männer in diesem Buch sind Gegner. Figuren wie Calvin Evans oder Mr. Pine zeigen, dass Respekt, Fairness und Unterstützung keine Frage des Geschlechts sind. Das Buch zeichnet keine Schwarz-Weiß-Welt. Es erzählt von Menschen.
Besonders bewegt hat mich die Begegnung zwischen Elizabeth und Avery am Ende der Geschichte. Zwei Frauen, deren Leben durch dieselben gesellschaftlichen Umstände geprägt wurden und die doch völlig unterschiedliche Schicksale tragen mussten. Elizabeth durfte ihre Tochter großziehen. Avery hatte diese Möglichkeit nie.
Als die beiden sich schließlich in den Armen liegen, kamen mir die Tränen.
Vielleicht weil in diesem Moment sichtbar wird, wie sehr Lebenswege durch Entscheidungen anderer Menschen beeinflusst werden können. Vielleicht aber auch, weil dort keine Vorwürfe mehr ausgesprochen werden. Nur Verständnis.
Während ich darüber nachdenke, frage ich mich, ob mich dieses Buch genauso berührt hätte, wenn mein eigenes Leben anders verlaufen wäre.
Hätte ich Elizabeth genauso verstanden, wenn ich nicht selbst Mutter wäre?
Hätte ich ihren Kampf um Anerkennung genauso empfunden, wenn ich nie erlebt hätte, wie unterschiedlich Erwartungen an Männer und Frauen sein können?
Oder lese ich dieses Buch gerade deshalb so intensiv, weil ich eigene Erfahrungen darin wiederfinde?
Mich würde interessieren, wie andere Leser dieses Buch erlebt haben.
Welche Figur ist euch besonders nahegekommen?
Habt ihr „Eine Frage der Chemie“ als Geschichte über Gleichberechtigung gelesen, als Familiengeschichte, als Liebesgeschichte oder vielleicht als etwas ganz anderes?
Und gibt es Bücher, die euch deshalb nicht loslassen, weil ihr euch selbst in ihnen wiedergefunden habt?