Mameleben – Wer war Mame wirklich?

„Mameleben“ von Michel Bergmann hat mich anders beschäftigt, als ich zunächst erwartet hatte.

Das lag nicht am Thema. Die Geschichte jüdischer Familien, des Krieges, der Verfolgung und ihrer Folgen ist wichtig und erinnerungswürdig. Gleichzeitig habe ich im Laufe der Jahre viele Bücher zu diesem Themenkomplex gelesen. Die Schicksale unterscheiden sich, die Muster ähneln sich oft. Vielleicht war genau das der Grund, warum mich der historische Hintergrund diesmal weniger berührt hat als die Menschen selbst.

Im Mittelpunkt des Buches stand für mich nicht die jüdische Geschichte, sondern Mame.

Eine Frau, die ihr Leben lang kämpfen musste. Um ihre Existenz, um ihren Sohn, um ihren Platz im Leben. Eine Frau, die stark, anstrengend, stolz, verletzlich und widersprüchlich zugleich war. Je länger ich gelesen habe, desto weniger interessierte mich die Frage, was sie erlebt hat. Viel interessanter wurde für mich die Frage, was diese Erlebnisse aus ihr gemacht haben.

Dabei musste ich immer wieder an die Menschen meiner eigenen Elterngeneration denken. An Menschen, die Krieg, Verlust und Unsicherheit erlebt haben. An Gewohnheiten, die für Außenstehende manchmal schwer nachvollziehbar sind. An das Sammeln und Aufheben von Dingen, an die Angst vor Verlust, an die Überzeugung, dass man alles noch einmal gebrauchen könnte. Solche Verhaltensweisen entstehen nicht zufällig. Sie haben eine Geschichte.

Vielleicht war das der Gedanke, der mich am meisten beschäftigt hat: Wie stark prägen die ersten Lebensjahre einen Menschen? Und wie lange wirken diese Erfahrungen nach?

Mame erschien mir oft wie ein Mensch, der niemals wirklich aufgehört hat zu kämpfen. Selbst dort, wo Kampf längst nicht mehr notwendig gewesen wäre. Sie konnte Menschen an sich heranlassen und sie gleichzeitig auf Abstand halten. Oft hatte ich das Gefühl, dass sie ihr Leben lang verschiedene Rollen gespielt hat, ohne jemals ganz preiszugeben, wer sie wirklich war.

Gleichzeitig gab es Menschen, die sie über Jahrzehnte begleiteten – Freunde und Weggefährten, die sie durch die schwersten Zeiten ihres Lebens kannten. Die Freundin, die sie aus dem Lager schmuggelte, die Familie in Paris und andere Menschen, die lange an ihrer Seite blieben. Vielleicht wussten gerade sie mehr über die wirkliche Mame als ihr eigener Sohn.

Gerade deshalb habe ich manche Deutungen des Buches nicht geteilt. Mich interessierte weniger die Frage, ob Mame schwierig, krank oder dement war. Viel spannender fand ich die Frage, wie sie zu dem Menschen geworden ist, der sie war. Nicht jedes Verhalten braucht eine Diagnose. Manchmal lohnt es sich, zuerst nach den Erfahrungen zu fragen, die dahinterstehen.

Besonders beeindruckt hat mich dabei weniger Mame selbst als die Menschen um sie herum. Vor allem Michels Frau. Ihre Gelassenheit, ihre Fähigkeit, Mame so zu akzeptieren, wie sie war, hat mich mehr beschäftigt als manche dramatische Episode des Romans. Sie zog sich nicht zurück, war nicht beleidigt und versuchte nicht, Mame zu verändern. Sie ließ sie einfach sein.

Auch Michel selbst wurde von manchen Lesern als zu angepasst wahrgenommen. Ich habe das anders gesehen. Für mich hat er sich durchaus gelöst. Er zog weg, baute sich ein eigenes Leben auf, heiratete die Frau, die er liebte, obwohl seine Mutter sie nicht mochte. Er führte sein eigenes Leben. Trotzdem kam er, wenn seine Mutter ihn brauchte.

Das führte für mich zu einer Frage, die weit über dieses Buch hinausgeht: Was schuldet man einem Menschen, der einen geprägt hat?

Eine einfache Antwort gibt es darauf nicht. Aber ich hatte nie den Eindruck, dass Michel aus Schwäche handelte. Eher aus Verantwortung. Vielleicht auch aus Loyalität. Man kann sich von einem Menschen lösen, ohne ihn aufzugeben.

Besonders nachdenklich gemacht hat mich Mames Entscheidung am Ende ihres Lebens. Nicht die Tat selbst, sondern die Frage, ob ein Mensch wie sie überhaupt hätte akzeptieren können, die Kontrolle zu verlieren. Mame war für mich jemand, der sein Leben lang selbst bestimmt, gekämpft und Entscheidungen getroffen hat. Abhängigkeit und Hilfsbedürftigkeit mussten für sie wie ein Verlust ihrer Würde wirken. Ich habe ihre Entscheidung deshalb nicht als Kapitulation gelesen, sondern als letzten Versuch, selbst über ihr Leben zu bestimmen. Ob man das richtig findet oder nicht, ist eine andere Frage. Verstehen konnte ich es.

Je weiter ich las, desto weniger interessierte mich die historische Einordnung und desto mehr die Menschen dahinter. Dabei wurde mir immer bewusster, dass ich Mame eigentlich nie direkt kennenlerne. Das ganze Buch ist aus Michels Sicht erzählt. Ich sehe die Mutter durch die Augen des Sohnes – mit all seinen Erinnerungen, Verletzungen, seiner Bewunderung, seiner Loyalität und manchmal auch seiner Hilflosigkeit.

Vielleicht ist das der Grund, warum Mame bis zum Schluss ein Rätsel bleibt. War sie wirklich so, wie Michel sie beschreibt? Hat sie ihr Leben lang Rollen gespielt, um sich selbst zu schützen? Konnte sie Menschen jemals wirklich nahe an sich heranlassen? Oder sehen wir nur die Version von Mame, die ihr Sohn erlebt hat?

Gerade dieser Gedanke hat mich beschäftigt. Nicht die Frage, was Mame erlebt hat, sondern wer sie eigentlich war. Wer war diese Frau, bevor sie Michels Mutter wurde? Welche Träume hatte sie. welche Ängste, welche Hoffnungen? Das Buch erzählt von einer jungen Frau, die das Gymnasium besuchte und studieren wollte, bevor ihr die Verfolgung viele Möglichkeiten nahm. Vielleicht erklärt das auch einen Teil ihrer Erwartungen an ihren Sohn. Michel hatte die Freiheit, seinen eigenen Weg zu wählen. Eine Freiheit, die Mame in jungen Jahren nicht hatte. Auf viele dieser Fragen gibt das Buch keine Antworten.

Vielleicht liegt genau darin seine Stärke.

Jeder kannte nur einen Teil von ihr. Die Freunde aus ihrer Jugend und aus den Jahren des Überlebens kannten eine andere Mame als Michel. Und Michel kannte Seiten seiner Mutter, die niemand sonst je gesehen hat. Aus all diesen Bruchstücken entsteht das Bild einer Frau, die sich nie ganz erfassen lässt.

Am Ende blieb für mich deshalb keine Geschichte über Krieg oder Nachkriegszeit zurück. Geblieben ist das Porträt einer Frau, die durch ihr Leben geformt wurde und die selbst diejenigen noch beschäftigt, die ihr am nächsten standen.

Vielleicht liegt genau darin die Stärke dieses Buches: Es erzählt nicht nur, was Menschen erlebt haben. Es zeigt, welche Spuren diese Erlebnisse hinterlassen – und wie wenig wir manchmal selbst über die Menschen wissen, die wir unser ganzes Leben zu kennen glaubten.

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