Vielleicht sollten wir aufhören, über Single-Frauen zu reden [DE]

Ich bin Single. Gerne und aus Überzeugung.

Ich hatte in meinem Leben durchaus die eine oder andere längere Beziehung. Aber irgendwann bin ich für mich zu der Überzeugung gekommen, dass ein Partner einfach nicht in mein Leben passt. Nicht, weil ich von Beziehungen enttäuscht bin oder grundsätzlich etwas gegen sie hätte. Ich mag mein Leben einfach so, wie es ist. Ich brauche keinen Partner, damit es sich vollständig anfühlt.

Und vielleicht frage ich mich gerade deshalb manchmal, ob uns all das Reden über Single-Frauen wirklich dorthin bringt, wo wir eigentlich hinwollen.

Noch immer gibt es einen Unterschied darin, wie unsere Gesellschaft Single-Männer und Single-Frauen betrachtet. Ein Mann, der allein lebt, gilt schnell als unabhängig und frei – vielleicht wird er sogar ein bisschen darum beneidet. Bei einer Frau kommen dagegen sehr viel schneller die Fragen: Warum ist sie Single? Hat sie keinen gefunden? Will sie wirklich alleine sein? Ist sie nicht einsam?

Also ja, ich verstehe, warum wir über Frauen sprechen müssen, die gerne Single sind. Warum es wichtig ist zu sagen, dass ihnen nichts fehlt und dass sie sich für die Art, wie sie leben, nicht rechtfertigen müssen.

Aber ich frage mich, ob das wirklich das Ziel sein sollte.

Vor Kurzem bin ich auf die Idee einer Italienreise speziell für Single-Frauen gestoßen. Und mein erster Gedanke war: Was für eine schöne Idee.

Mein zweiter war: Warum Single-Frauen?

Warum nicht einfach Frauen?

Ich kann den Reiz einer Reise nur mit Frauen vollkommen verstehen. Ein paar Tage ohne Männer, ohne sich danach richten zu müssen, wann oder was jemand anderes essen möchte, worauf der andere bei den Unternehmungen Lust hat oder ob gerade auf jemanden gewartet werden muss. Einfach Frauen, die gemeinsam unterwegs sind und die Gesellschaft der anderen genießen.

Aber warum sollte eine verheiratete Frau oder eine Frau in einer glücklichen Partnerschaft nicht genau dasselbe genießen? Vielleicht freut gerade sie sich über ein paar Tage ohne ihren Mann oder Partner – nicht, weil mit ihrer Beziehung etwas nicht stimmt, sondern einfach, weil sie gerne Zeit mit anderen Frauen verbringt.

Und zehn überzeugte Single-Frauen ergeben umgekehrt auch nicht automatisch eine harmonische Gruppe.

Manche werden unkompliziert sein, andere kompliziert. Manche ruhen vollkommen in sich, andere weniger. Und irgendeine wird vermutlich einer anderen gehörig auf die Nerven gehen. Single zu sein gibt uns weder eine bestimmte Persönlichkeit noch eine bestimmte Lebenseinstellung – und schon gar keine Garantie dafür, dass wir miteinander auskommen.

Wir sind einfach Menschen.

Vor ein paar Tagen hatte ich in einem Zug ein Gespräch, bei dem mir dieser Gedanke in einem ganz anderen Zusammenhang noch einmal sehr deutlich wurde.

Vier Fremde kamen zufällig miteinander ins Gespräch.

Da war ein älterer Herr, der aus einer Arbeiterfamilie kam, studiert hatte und früher Profi-Schachspieler gewesen war.

Ein junger schwuler Marokkaner, der Medizin studiert und gerne eines Tages Gesundheitsminister werden möchte.

Eine junge Syrerin mit Kopftuch, die erst seit zwei Jahren in Deutschland lebt, perfekt Deutsch spricht und gerade dabei ist, ihr Studium und ihre Ausbildung als Pharmazeutin anerkennen zu lassen.

Und ich.

Wir sprachen über Religionen. Über das Kopftuch. Über Politik und Kriege. Über das Gesundheitswesen.

Nicht unbedingt die unverfänglichsten Themen für vier fremde Menschen mit vollkommen unterschiedlichen Hintergründen.

Und trotzdem haben wir miteinander gesprochen.

Irgendwann sagte ich, dass vielleicht schon einige unserer Probleme ein wenig kleiner wären, wenn wir einfach häufiger mit Menschen sprechen würden.

Nicht mit der Frau mit Kopftuch.

Nicht mit dem Marokkaner.

Nicht mit dem Arbeiter oder dem Studierten.

Sondern mit dem Menschen, der gerade vor uns sitzt.

Das bedeutet nicht, so zu tun, als gäbe es unsere Unterschiede nicht. Natürlich gibt es sie. Unterschiedliche Kulturen, Religionen, Traditionen und Lebenserfahrungen gehören zu uns. Wir können sie respektieren. Wir können neugierig darauf sein. Wir können darüber sprechen und sogar unterschiedlicher Meinung sein.

Aber sie müssen nicht die Schublade sein, in die wir einen Menschen stecken, bevor das Gespräch überhaupt begonnen hat.

Und vielleicht gilt genau das auch für das Single-Sein.

Vielleicht besteht der nächste Schritt nicht darin, ein besseres Bild von der Single-Frau zu schaffen.

Vielleicht besteht der nächste Schritt darin, die Single-Frau gar nicht mehr zu sehen.

Eine Reise nach Italien könnte dann einfach eine Frauenreise sein. Verheiratet, geschieden, in einer Partnerschaft, verwitwet, Single – Frauen, die Lust darauf haben, ein paar Tage miteinander zu verbringen.

Es könnte sogar eine einzige Regel geben:

Für diese paar Tage reden wir nicht über Männer und Beziehungen.

Warum eigentlich nicht?

Wir haben Vater-Kind-Wochenenden, Kegeltouren, Buchclubs, Laufgruppen und alle möglichen anderen Gelegenheiten, bei denen Menschen aus einem bestimmten Grund zusammenkommen. Für eine Weile verbindet sie etwas, ohne dass dieses eine Merkmal gleich definieren muss, wer sie sind.

Vielleicht ist es genau das, wo ich uns irgendwann gerne sehen würde.

An einem Punkt, an dem „Single“ einfach eine Information über einen Menschen ist. Beim ersten Kennenlernen nicht wichtiger als unzählige andere Informationen.

An dem ich mich nicht dafür rechtfertigen muss, Single zu sein.

An dem mich aber auch niemand dafür feiern muss, Single zu sein.

An dem mein Gegenüber nicht zuerst die Single-Frau sieht, die Frau mit Kopftuch, den schwulen Marokkaner, das Arbeiterkind oder den Akademiker.

Sondern einfach einen Menschen.

Und dann fangen wir an, miteinander zu reden.

Just a point of view.

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