Rom mit anderen Augen sehen – wenn Geschichte lebendig wird

Es gibt Bücher, die eine Geschichte erzählen, und es gibt Bücher, nach denen man mehr wissen und sehen möchte. Der sixtinische Himmel von Leon Morell gehört für mich eindeutig zur zweiten Kategorie.

Michelangelo war mir vor diesem Buch keineswegs fremd. Seit ich Vasaris Lebensläufe der berühmtesten Maler, Bildhauer und Architekten gelesen habe, fasziniert mich dieser Künstler. Ich habe den David in Florenz gesehen und stand bereits in der Sixtinischen Kapelle unter seinen Fresken. Trotzdem hat Leon Morell es geschafft, mir Michelangelo noch einmal näherzubringen – nicht nur als Künstler, sondern als Menschen.

Dabei ist Michelangelo für mich gar nicht die eigentliche Hauptfigur des Romans. Das ist Aurelio. Wir lernen ihn als Jungen kennen, erleben den gewaltsamen Verlust seiner Mutter und begleiten ihn über Jahre auf seinem Weg zum erwachsenen Mann. Mit ihm gelangen wir nach Rom, in Michelangelos Bottega und in eine Welt, die ihm zunächst vollkommen fremd ist. Er begegnet Menschen aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Schichten, erlebt Freundschaft, Liebe, Sexualität, Gewalt und Tod und verliert dabei nie ganz die Bescheidenheit des Jungen, der einmal aufgebrochen ist.

Vielleicht braucht Morell gerade deshalb Aurelio. Durch seine Augen können wir Michelangelo beobachten. Den eigenwilligen, oft wortkargen und pragmatischen Kauz, der ganz seiner Kunst und seiner Aufgabe dient, der aber gleichzeitig zu einer erstaunlichen Hingabe und Fürsorge fähig ist. Die Beziehung zwischen beiden gehört für mich zu den schönsten Teilen des Romans. Für Aurelio wird Michelangelo zu einer Art Vaterfigur; Michelangelos Gefühle für Aurelio gehen darüber hinaus. Trotzdem behandelt Morell diese Beziehung mit großer Behutsamkeit.

Auch die Frauenfiguren haben mich beschäftigt. Aphrodite und Margareta leben vollkommen unterschiedliche Leben und sind doch beide nicht frei. Aphrodites Schönheit verschafft ihr Einfluss und Luxus, macht sie aber zugleich abhängig von der Gunst eines mächtigen Mannes. Margareta kämpft auf ganz andere Weise um ihr Leben und kleine Stücke von Freiheit. Beide bleiben den Verhältnissen ihrer Zeit ausgeliefert.

Diese Zeit wird beim Lesen erstaunlich lebendig. Ich konnte die Kutschen über das Pflaster hören, den Lehm und Schmutz der Straßen beinahe sehen und mir vorstellen, wie sich Rom in der Sommerhitze angefühlt und vermutlich auch gerochen haben muss. Italienische Begriffe verstärken diese Atmosphäre, ohne das Lesen zu erschweren. Man muss sie nicht kennen, um sie aus dem Zusammenhang zu verstehen.

Überhaupt liest sich der Roman trotz seines Umfangs wunderbar leicht. Die Kapitel haben eine angenehme Länge, die Unterteilung in größere „Bücher“ macht die zeitlichen Sprünge deutlich, und die Figuren besitzen ihre eigene Sprache. Michelangelos kurze, abgehackte Sätze und Einwürfe passen ebenso zu ihm wie Aurelios anfängliche Naivität. Dazwischen gibt es immer wieder Stellen zum Schmunzeln.

Die historischen Hintergründe zur Entstehung der Sixtinischen Kapelle, zu Michelangelos Arbeitsweise und zu seinen Werken haben mich nicht mit Wissen überladen, sondern neugierig gemacht. Besonders eindrücklich fand ich Aurelio als Modell für Michelangelo. Stundenlang muss er sitzen, stehen oder liegen, eine Haltung aushalten, bis die Arme schmerzen und kaum noch zu bewegen sind, und in der Kälte frieren, während nur kleine Kohlebecken etwas Wärme spenden. Seitdem sehe ich die Körper auf Michelangelos Fresken anders. Wenn ich wieder unter der Decke der Sixtinischen Kapelle stehe, werde ich vermutlich nicht nur die gemalten Figuren sehen, sondern mir Aurelio vorstellen, wie er für eine dieser Haltungen Modell liegt und darauf wartet, sich endlich wieder bewegen zu dürfen.

Genau das hat der Roman bei mir immer wieder geschafft: Er hat aus einem Kunstwerk, das ich längst kannte und bewunderte, etwas Körperliches und Lebendiges gemacht.

Obwohl ich schon mehrfach in Rom war, hatte ich am Ende das Gefühl, diese Stadt noch einmal neu entdecken zu wollen. Bei meinem nächsten Besuch möchte ich die Schauplätze des Romans suchen, ihre Entfernungen nachvollziehen und sehen, was davon im heutigen Rom noch erkennbar ist. Und auch die Sixtinische Kapelle werde ich mit anderen Augen betreten.

Der Beginn des Romans hat mich erschreckt. Er ist grausam und brutal. Im Nachhinein würde ich darauf aber nicht verzichten wollen. Er muss so sein, weil alles, was danach kommt, für mich auch eine Geschichte der Versöhnung ist. Aurelio bekommt das Verlorene nicht zurück. Die Gewalt und die Verluste werden nicht ungeschehen gemacht. Aber aus dem Jungen, dessen Welt am Anfang zerstört wird, wird ein Mann, der am Ende nach Hause zurückkehrt und sein eigenes Leben beginnt.

Genau deshalb empfand ich auch die dramatischen Ereignisse gegen Ende nicht als zu viel. Ich habe mit Aurelio gezittert, als er sich verstecken musste, mit ihm die Verbrennung Aphrodites erlebt und es tat mir beinahe körperlich weh, als er Michelangelos Statue zerstörte. Und ja – als er schließlich den Mörder seiner Mutter tötete, empfand ich Genugtuung. Nicht weil Mord dadurch richtig würde, sondern weil sich für Aurelio etwas schloss, das auf den ersten Seiten des Romans begonnen hatte.

Der sixtinische Himmel hat mir Geschichte nicht erklärt, sondern sie für mich lebendig gemacht. Ich konnte die Figuren sehen, ihre Welt riechen und hören und habe sie über viele Seiten begleitet. Der Roman hat mir einen Künstler, den ich bereits bewundert habe, noch nähergebracht und meine Neugier auf seine Werke und auf Rom neu geweckt.

Für mich war es ein fantastisches Buch.

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